← Sitzungstag · Plenarprotokoll 21/86 · 95. Rede des Tages

Swantje Henrike Michaelsen

Bündnis 90/Die Grünen · Donnerstag, 25. Juni 2026

Wörter
588
Beifall
10
Zurufe
0
Wahlperiode
21

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es gibt ein Ziel, das uns alle eint: Wir wollen, dass zukünftig mehr Menschen durch Organspenden gerettet werden. Und deshalb trifft es mich tief, wenn mir, weil ich mich für die aktive Zustimmung zur Organspende ausspreche, unterstellt wird, ich wolle die Spendenbereitschaft nicht erhöhen; denn das Gegenteil ist der Fall. Wir verfolgen dasselbe Ziel: mehr Organspenden und mehr gerettete Leben.

  • Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU, der SPD und der Linken

Und ich möchte noch einmal sehr klar sagen: Der Unterschied liegt nicht im Ziel, sondern im Weg dorthin.

Ich selbst besitze seit Jahrzehnten einen Organspendeausweis. Ich halte die Organspende für wichtig und habe mich bewusst dafür entschieden. Dabei war meine Entscheidung auch immer wieder ein Prozess. So habe ich im Laufe meines Lebens Organe ausgeschlossen und wieder aufgenommen. Das hat mir gezeigt: Es ist eben keine einmalige Entscheidung,

  • Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU, der AfD und der SPD

sondern eine, die durch das Leben geprägt wird und immer wieder verändert werden kann.

Und noch etwas habe ich gelernt: Ich bin in meinem gesamten Leben noch kein einziges Mal strukturell auf die Organspende angesprochen worden – nicht bei der Ärztin, nicht bei der Beantragung meines Personalausweises, ja nicht einmal, als ich Bundestagsabgeordnete wurde. Wenn es uns aber bisher nicht gelungen ist, Menschen strukturell mit dem Thema Organspende in Berührung zu bringen, wie wollen wir dann sicherstellen, dass sie ihren Widerspruch effektiv wahrnehmen können?

  • Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU, der SPD und der Linken

Es wäre mehr als gewagt, einfach davon auszugehen, dass fast alle Menschen zustimmen würden, nur weil Umfragen eine grundsätzlich positive Einstellung von 85 Prozent zeigen. Wir wissen doch: Eine grundsätzliche Haltung und eine konkrete Entscheidung, zumal von dieser höchstpersönlichen Dimension, sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Wir haben heute mehrfach gehört, dass alle Menschen widersprechen können. Aber was ist mit denjenigen, die es nicht können, die nicht erreicht werden? Weitaus mehr Menschen sind mit der existenziellen Frage nach Tod und Sterben überfordert, als Menschen formal nicht einwilligungsfähig sind.

  • Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der CDU/CSU

Ich spreche hier von Millionen Menschen in Deutschland, die komplexe Texte nicht erfassen können, Menschen mit Sprachbarrieren, Menschen ohne festen Wohnsitz oder solchen, deren Alltag durch soziale und ökonomische Herausforderungen so belastet ist, dass kaum Raum für solche Fragen bleibt.

Und es braucht keine große Fantasie, um zu erkennen, dass eine Widerspruchsregelung hier eine soziale Unwucht erzeugen kann.

  • Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU und der SPD

Dann würden vor allem Menschen aus vulnerablen Gruppen überproportional oft gegen ihren eigentlichen Willen zu Spenderinnen oder Spendern werden. Und dann sprechen wir nicht mehr von einer Spende; denn eine Spende ist eine freiwillige Gabe. Aber wenn Schweigen als Zustimmung gewertet wird, wird aus der freiwilligen Gabe eine staatliche Abgabeerwartung.

  • Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU, der AfD und der SPD

Artikel 1 unseres Grundgesetzes besagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und das gilt über den Tod hinaus. Eine Organspende ist eine höchstpersönliche Entscheidung, und Schweigen darf niemals Zustimmung bedeuten.

  • Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU und der SPD

Jeder Mensch hat das Recht, sich zu entscheiden, und er hat eben auch das Recht, sich nicht mit diesem Thema auseinandersetzen zu müssen. Es ist unsere politische Aufgabe, Strukturen zu schaffen, die es allen Menschen ermöglichen, sich umfassend zu informieren und auf dieser Basis eine bewusste Entscheidung zu treffen. Und wenn wir es schaffen, Hürden abzubauen und echte Aufklärung zu betreiben, dann brauchen wir keine Widerspruchsregelung; denn dann können sich alle, die wollen, aktiv und selbstbestimmt für eine Organspende entscheiden.

Nur Ja heißt Ja. Und deshalb werbe ich heute für die aktive Zustimmung zur Organspende. Kombinieren wir diese mit massiver Aufklärung, einfacheren Verfahren zur Dokumentation, besseren Strukturen in den Kliniken und dem Abbau von Barrieren! So erreichen wir mehr Organspenden, aber auf einem Weg, der freiwillig, selbstbestimmt und würdevoll ist.

Vielen Dank.

Der nächste Redner in dieser Debatte ist Professor Dr. Hans Theiss.

  • Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Quelle: Plenarprotokoll 21/86 (PDF) ↗ · Zwischenrufe und Beifall sind im Text nicht enthalten.