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Ulrike Bahr

SPD · Freitag, 31. Januar 2025

Wörter
655
Beifall
0
Zurufe
0
Wahlperiode
20

Stellen Sie sich vor: Max ist zehn Jahre alt. Er ist ein ruhiger Schüler, spricht wenig über seine Familie und spielt in der Pause oft allein. Wenn man ihn fragt, wie es zu Hause läuft, sagt er: Alles in Ordnung. – Doch Max’ Mutter leidet an einer schweren Depression. Sie schläft viel, ist oft traurig und abwesend. Max hat gelernt, sich um vieles alleine zu kümmern – auch um seine Mutter, die in ihren dunklen Phasen keine Hilfe annehmen kann. Max trägt diese Last im Geheimen, weil er sich schämt. Er weiß nicht, an wen er sich wenden kann, und die Menschen um ihn herum nehmen die Zeichen nicht wahr.

Für Kinder wie Max bringen wir heute einen Antrag auf den Weg, der eine lange Vorgeschichte hat. Als wir 2017 begonnen haben, das Thema anzugehen, gab es noch die Große Koalition. Schon damals waren wir der Auffassung, dass wir das parteiübergreifend breit aufstellen müssen. Es ist uns damals gelungen, einen interfraktionellen Antrag einzubringen, an dem die Grünen mitgearbeitet haben, die damals noch in der Opposition waren. Ziel des Antrages war es, eine Expertinnen- und Expertenkommission einzurichten. Diese hat mittlerweile ihre Arbeit gemacht und 19 Empfehlungen erarbeitet. Nun liegt der Ball wieder bei uns, dem Deutschen Bundestag. Für uns war klar, dass wir auch jetzt die CDU/CSU-Fraktion wieder dabeihaben wollen. Ich freue mich sehr, dass das gelungen ist!

Denn Kinder, die in Familien aufwachsen, in denen psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme eine Rolle spielen, sind besonders gefährdet. Sie sind häufig die stillen Leidtragenden – unsichtbar für die Gesellschaft, aber mit einer enormen Last auf ihren Schultern.

Die zentrale Botschaft dieses Antrags ist klar: Die Kinder aus diesen Familien müssen raus aus der Tabuzone. Wir als Gesellschaft dürfen nicht wegschauen – und als Politik schon gleich gar nicht. Diese Kinder sind darauf angewiesen, dass ihr Umfeld in Kita, Schule, Ausbildung und Freizeit ihre besondere Belastungslage wahr- und ernst nimmt. Aber eine solche Belastung zu erkennen, ist nicht leicht, wenn die Zeichen nicht erkannt werden.

Viele dieser Kinder ziehen sich zurück, hüten das Familiengeheimnis, wollen nicht auffallen und fressen alles in sich hinein. Manche wiederum werden laut und auffällig, randalieren oder sind scheinbar grundlos wütend. Statt Hilfe bekommen sie Ärger.

Was diese Kinder wirklich brauchen, ist Unterstützung. Sie dürfen ihre Ängste und Sorgen nicht allein tragen. Der Weg dahin ist klar: Hinschauen, sich vernetzen, austauschen, nachfragen und helfen. Wir haben in Deutschland ein gutes Hilfesystem, aber es fehlen Kapazitäten für Aufgaben wie Weiterbildung, Vernetzung und ein familienorientierter Blick. Wir müssen über die Grenzen der Sozialgesetzbücher hinweg denken.

Ein besonders wichtiger Punkt ist dabei auch die Finanzierung erfolgreicher Ansätze. Die Frühen Hilfen zum Beispiel sind ein wichtiger Baustein, aber leider unterfinanziert und enden bereits mit dem dritten Geburtstag des Kindes. Darum brauchen wir dringend zusätzliche Mittel und ein Folgeprogramm, um auch in den nächsten Lebensjahren eine nachhaltige Unterstützung zu gewährleisten.

In psychiatrischen Kliniken fehlen oft Eltern-Kind-Einheiten, die es Eltern mit psychischen Erkrankungen ermöglichen, ihre Kinder weiterhin in einem geschützten Rahmen zu betreuen. Die Finanzierung solcher Modelle ist kompliziert, aber wir dürfen uns nicht vor der Herausforderung scheuen. Es geht!

Wir brauchen mehr sozialgesetzbuchübergreifende Handlungsansätze. In der Forschung, in der Politik, in den Behörden – überall, wo es darum geht, diese Kinder und ihre Eltern zu unterstützen, muss ein besseres Miteinander entstehen, um diese Kinder und ihre Eltern effektiv zu unterstützen.

Ich danke allen, die an diesem Antrag mitgewirkt haben – ganz besonders Paul Lehrieder, Beate Walter-Rosenheimer und Denise Loop, Katja Adler und Bettina Wiesmann – und natürlich den vielen Expertinnen und Experten der Arbeitsgruppe für Kinder psychisch und suchtkranker Eltern! Es war eine konstruktive Zusammenarbeit über Fraktions- und Ausschussgrenzen hinweg.

Ich hoffe sehr, dass dieser Antrag der notwendige Impuls ist, um auf allen Ebenen Fortschritte zu erzielen. Denn eines ist klar: Kinder haben ein Recht auf Unterstützung und Hilfe. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass dieses Recht nicht nur auf dem Papier existiert, sondern auch im Alltag verwirklicht wird.

Quelle: Plenarprotokoll 20/211 (PDF) ↗ · Zwischenrufe und Beifall sind im Text nicht enthalten.